Fehde der frommen Frauen

Klagemauer

Seit einem Vierteljahrhundert kämpfen die Frauen der Bewegung „Women of the wall“ um dieselben Rechte wie die Männer an der Klagemauer, der heiligsten jüdischen Stätte. Zwar ist den Frauen mittlerweile Vieles erlaubt, doch die Diskussionen gehen weiter. Eine Gegenbewegung aus ultraorthodoxen Frauen will, dass alles so bleibt, wie es die vergangenen Jahrzehnte war.

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Im Sommer ist es eskaliert. Frauen warfen Plastikstühle auf andere Frauen. Hartgekochte Eier flogen herum und die Wörter, mit denen sich die Israelinnen beschimpften, wurden wüster. Einige Frauen bespuckten sogar andere Frauen. Und das alles vor der Klagemauer, der heiligsten jüdischen Stätte in Jerusalems Altstadt.

Der Grund für den seit Jahren andauernden Streit zwischen vor allem ultraorthodoxen und modern-orthodoxen oder liberal-gläubigen Frauen ist die unterschiedliche Auffassung darüber, was frommen Jüdinnen an der Klagemauer erlaubt sein sollte und was nicht. Die feministische Bewegung „Frauen der Klagemauer“ kämpft bereits seit 25 Jahren dafür, dieselben Rechte zu genießen wie die Männer. Sie wollen ebenfalls eine Kippa tragen sowie den jüdischen Gebetsmantel und Gebetsriemen. Sie wollen singen und die Torah, das heilige jüdische Buch, zur Klagemauer mitbringen und daraus lesen – so wie das die Männer tun. Der Rabbiner der Klagemauer Shmuel Rabinovitch hatte es den Frauen lange Zeit verboten. Deshalb kam es bis vor kurzem nicht selten vor, dass sie wegen Unruhestiftung verhaftet wurden.
Nach einem Vierteljahrhundert ist es den Frauen nun endlich erlaubt. Ein Richterspruch am Jerusalemer Bezirksgericht hat im April entschieden, dass das Singen und das Tragen eines Gebetsschals und Gebetsriemens nicht gegen „lokale Gepflogenheiten“ verstoße. An jedem Rosh Hodesh, dem ersten Tag im Monat des jüdischen Kalenders, versammeln sich deshalb Dutzende Frauen an der Klagemauer und erheben ihre Stimmen zum Gesang. Ein Erfolg, wenn auch viele ultraorthodoxe Männer und Frauen mit aufgedrehten Lautsprechern die Feministinnen übertönen wollen. Auch die ultraorthodoxen Frauen versuchen, mit Buhrufen und Schreien, die „Frauen der Klagemauer“ zum Schweigen zu bringen.

Doch der 55-jährigen Chefin der Frauenrechtsorganisation ist das noch nicht genug. Sie will endlich auch aus der Torahrolle lesen dürfen. Lesley Sachs trägt ein auffallend rotes Kostüm, passend sind ihre Fingernägel lackiert und ihre Lippen bemalt. Sie möchte als fromme, aber moderne Jüdin gesehen werden und kann das häufig angeführte Argument, die Tradition an der Klagemauer müsse bewahrt werden, nicht mehr hören. „Die Tradition ist auf unserer Seite. Vor 1967 gab es keine Trennung. Damals trugen auch Frauen die Torahrolle“, sagt sie, die bereits vier Mal aufgrund von öffentlicher Unruhestiftung verhaftet wurde. Mittlerweile werden die „Frauen der Klagemauer“ von Zehntausenden aus Israel und dem Ausland unterstützt. Und mittlerweile geht es auch nicht mehr nur um die Klagemauer. „Israel durchlebt gerade eine jüdische Wiedergeburt“, sagt Lesley Sachs. Schon jetzt habe die Bewegung viel im Denken über Frauenrechte in der religiösen Welt erreicht.“ Tatsächlich unterstützen mehr und mehr Frauen, gleichwohl ob religiös oder säkular, die Organisation. Sie wollen für eine Gesellschaft eintreten, in der Pluralismus und die Gleichberechtigung der Geschlechter Selbstverständlichkeiten sind. Frauen sollen selbst ihren Sitzplatz wählen, anstatt wie in einigen ultraorthodoxen Buslinien von den Männern auf die hinteren Bänke verbannt zu werden. Auch wenn es um Heirat oder Scheidung gehe, „sind wir verglichen mit modernen Europäischen Ländern in einer schlechten Situation“, sagt Lesley Sachs.

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Der Platz vor der Mauer ist nach Geschlechtern getrennt. Rechts beten die Frauen, links die Männer.

Doch bei allem Kampf für die Gleichberechtigung in der Gesellschaft ist der Kampf an der Klagemauer das zentrale Anliegen. Der Streit mit dem ultraorthodoxen Teil der jüdischen Gesellschaft hat sich jedoch verhärtet. Mittlerweile hat sich sogar eine Gegenbewegung gegründet. Sie nennt sich „Frauen für die Klagemauer“.

Laut Halacha, dem jüdischen Recht, nach dem vor allem die ultraorthodoxen Juden leben, ist nicht nur das Anlegen von Gebetsriemen und Gebetsmantel eine Sünde, wenn es eine Frau tut. Insbesondere der Gesang führt zu Diskussionen, wenn er aus weiblichen Kehlen kommt. „Viele Männer können nicht beten, während die Frauen singen“, sagt die 25-jährige Ronit Peskin, eine der Gründerinnen der „Frauen für die Klagemauer“. Die ultraorthodoxe Jüdin hat genug von der Schlammschlacht. Ihrer Ansicht nach benutzen die Feministinnen die heilige Stätte als Ort des politischen Protests. Deshalb kämpft sie dafür, dass alles so bleibt wie es seit Jahrzehnten war. „Die Klagemauer ist eine historische Stätte, deshalb sollte man auch die historische Tradition respektieren“, sagt sie. Das Judentum modernisieren? „Die meisten Menschen würden doch nicht zu einer modernen Mauer kommen.“

Women for the wall
Ronit Peskin beim Gebet.

Ronit Peskit findet, dass die „Frauen der Klagemauer“ ein schlechtes Bild der jüdischen Frauen verbreiten. Gleichberechtigung im Sinne der Feministinnen braucht die dreifache Mutter, die zurzeit mit dem vierten Kind schwanger ist, nicht. „Die Aufgabe der Frauen ist es, Kinder großzuziehen. Das ist doch eine überwältigende Macht“, sagt sie. „Warum sollte ich dann das machen wollen, was die Männer tun?“

Lesley Sachs winkt ab. „Die Frauen für die Klagemauer sind keine Gruppe von Frauen, sondern eine von Männern, die Frauen gefunden haben, die für sie sprechen“, sagt sie. Die Diskussionen mit den einflussreichen ultraorthodoxen Juden in Jerusalem nerven sie. „Viele Israelis spüren, dass sich die Klagemauer zunehmend von einem nationalen Kulturgut zu einer ultraorthodoxen Stätte wandelt.“ Dabei sei die Klagemauer keine ultraorthodoxe Synagoge. Sie schüttelt den Kopf. Die kleine Gruppe der ultraorthodoxen Juden soll bestimmen, dass sie keine weiblichen Stimmen an der Klagemauer hören will? „Ich bitte Sie. Das ist lächerlich. Wir haben das Jahr 2013.“

Da mittlerweile an jedem Rosh Hodesh die Polizei anrücken muss, um für Ruhe zu sorgen, sucht die Regierung nach einer Lösung. Ein Vorschlag ist, dass die „Frauen der Klagemauer“ zum Beten an einen gesonderten Ort im südlichen Teil der Klagemauer, an den Robinsonbogen, umziehen. Der ist bislang zwar nicht rund um die Uhr zugänglich und auch einige Meter von der Mauer entfernt. Würden diese Probleme jedoch gelöst und zudem weitere Zugeständnisse gemacht, wäre der Großteil der „Frauen der Klagemauer“ bereit, den Gebetsort zu wechseln.

Bis dahin wollen sie an der heiligen Stätte weiterkämpfen. Während die zumeist in schwarz gekleideten ultraorthodoxen Frauen, die fast alle ein Kopftuch oder Perücke tragen, also weiter still mit dem Gebetsbuch vor der Nase beten, möchten die Anhängerinnen an der Klagemauer aus ihrer Torahrolle lesen. Wenn es sein muss, lässt sich Lesley Sachs dafür auch ein fünftes Mal verhaften.

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