Im Rausch von „One Hundred and Eighty“

Volksfeststimmung? Nicht dieses Jahr. Gerade findet die Darts-WM in London statt, doch wegen Corona durften nur am Auftaktabend Zuschauer in die Halle. Bier, Trinklieder und verrückte Kostüme gibt es also nicht. Deshalb hier ein Blick zurück ins Jahr 2018. Woher kommt der Hype um Darts, auch und insbesondere in Deutschland?

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Nun ist es nicht so, dass es besonders religiös zugeht an diesem Abend. Im Gegenteil, biblische Ausmaße nehmen allein die konsumierten Biermengen an. Und doch, hinten auf den Tribünenplätzen, erste Reihe Mitte, erinnert die Szene, ganz nüchtern betrachtet, kurz an das Buch Genesis. Es tanzen ausgelassen Menschen, verkleidet als Giraffe und Elefant, als Tiger und Bär. Die Arche Noah. Das Thema haben sich die zwölf Arbeitskollegen für den Betriebsausflug gewählt. Natürlich hält auch der Patriarch mit falschem grauem Vollbart und beigem Gewand einen Humpen Bier in der Hand. Im Zebrakostüm steckt Vhari Pontin. Sie wird gerade lautstark von Dutzenden umstehenden Feierwütigen angefeuert, ihr Pint im Plastikbecher auf einen Zug zu leeren. Geschafft. Gegröle. Dann blicken wieder alle nach vorne zur Bühne, auf der Männer Pfeile auf eine Scheibe werfen. Es ist Darts-WM in London. Ally Pally. Kult.

Zwei Wochen lang spielen die 96 weltbesten Profis in deftiger und lauter Bierzeltatmosphäre um den Pokal. Der Besuch der Veranstaltung hat sich auf der Insel längst zu einem Ritual in der Weihnachtszeit entwickelt. Rund 85.000 Menschen werden dieses Mal erwartet. An Neujahr findet das Finale statt. „Der erste Weltmeister des Jahres ist stets ein Darts-Weltmeister.“ Diesen Satz soll man noch oft hören an diesem Abend, an dem es um den Einzug in die dritte Runde geht. Doch der Sport ist im Alexandra Palace im Norden Londons, der passenderweise auch als Volkspalast, als „The People’s Palace“ bezeichnet wird, fast nur der Anlass für die große Party. Hier feiert sich das Volk vor allem selbst. Die Besucher trinken und singen und prosten sich zu. Die meisten erscheinen verkleidet wie zum Karneval. Eine Männergruppe schunkelt etwa in pinken Bunny-Kostümen zu dem Monkees-Hit „Daydream Believer“. Gleich mehrere Herren haben sich für ihre Verkleidung Superman und Super Mario zum Vorbild genommen, Narren brüllen mehr als sie singen „Stand up if you love the darts“ und eine männliche Meerjungfrau arrangiert den schief sitzenden BH neu. Schön anzusehen ist das Ganze nicht immer, äußerst unterhaltend allemal, vor allem wenn der Ansager regelmäßig „One Hundred and Eighty“ ins Mikrofon tönt und damit die Leistung des Spielers lobt, mit drei Pfeilen die Triple-20 getroffen zu haben. „Es ist der Höhepunkt des Jahres“, sagt Vhari Pontin, das Zebra. Das 32-jährige Mitglied der Arche Noah kommt traditionell jeden Dezember mit den Kollegen her – wegen der Party, ja. Aber sie immerhin liebe auch Darts, will sie betont wissen. „Es ist der einzige Sport, bei dem sich die Zuschauer komplett betrinken und trotzdem gibt es keinen Ärger“, sagt die Engländerin. „Alle genießen einfach den Moment.“

Während in Großbritannien, dem Mutterland des Wurfspiels, Darts eine lange Tradition genießt – eine sehr nach England klingende Legende besagt, die Boards wurden aus den Böden alter Bierfässer hergestellt – hat sich in Deutschland vor allem in den vergangenen drei bis vier Jahren der Hype um die Scheibe entwickelt. Warum also gehen mittlerweile beinahe ein Drittel der Tickets an Besucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz? Das zunehmende Interesse liegt laut Matthew Porter vor allem an der umfangreichen Fernseh-Berichterstattung, der deutsche Sender Sport1 überträgt täglich live im Free-TV aus dem Ally Pally. Porter ist Geschäftsführer der Professional Darts Corporation und begleitet den Aufstieg des Spiels weg vom Kneipen- hin zum Profisport nicht nur seit elf Jahren, sondern hat maßgeblich dazu beigetragen – zu dieser perfekten Inszenierung, jener „Kombination aus sportlicher Spitzenleistung und großartiger Unterhaltung“, wie Porter es nennt. Es sei eben nicht wie beim Fußball, „wo man enttäuscht nach Hause geht, wenn das eigene Team verliert“. Mittlerweile richtet der Weltverband auch etliche Veranstaltungen in Dortmund, Gelsenkirchen oder Berlin, zudem in aller Herren Ländern aus. Und überhaupt, kulturell seien sich Deutschland und Großbritannien ohnehin ziemlich ähnlich, so Porter. „Das Oktoberfest ist Darts ohne Darts zu spielen.“

Patrick Exner darf beinahe als Exot bezeichnet werden, denn er kommt vor allem wegen des Sports. Jedes Jahr reist der Deutsche nach London, um für „dartn.de“ von vor Ort zu berichten. Er nennt sich die Fachpresse, die der selbstständige Programmierer vor 13 Jahren zunächst als Ein-Mann-Show aufbaute und seitdem betreibt. Mittlerweile arbeitet ein Team aus sechs Leuten nebenberuflich für die Webseite. „Die Zugriffszahlen gehen durch die Decke“, sagt Exner, der ursprünglich aus Mönchengladbach stammt, aber schon lange in Münster lebt. Er liebt Darts, spielt selbst Darts. Ein bisschen lebt er wohl auch Darts. Vor allem füttert er den hungrigen deutschen Markt mit Insider-Infos, Interviews und Analysen. Es handele sich um „eine integrative und äußerst telegene Sportart“, erklärt er die Gründe für den Erfolg des Wurfspiels. Einfache Regeln. Alle drei bis vier Minuten eine Entscheidung. „Und echte Typen statt weichgewaschener Figuren, deren Emotionen man am Bildschirm nah beobachten kann.“ Mittlerweile feiern zudem auch deutsche Spieler nennenswerte Erfolge.

Nun ist Darts ein durchaus fröhlicher Sport, und für gewöhnlich gehen die Kontrahenten bei aller Rivalität auch freundschaftlich miteinander um. Gelegentlich aber herrscht dann doch dicke Luft. Und zuweilen sogar im Wortsinn. Bei einem Turnier in Wolverhampton im November bezichtigten sich der Schotte Gary Anderson und der Niederländer Wesley Harms gegenseitig der strategischen Flatulenz. Nach seiner klaren Niederlage stänkerte Harms, er sei durch widerlichen Geruch nach faulen Eiern abgelenkt gewesen und ortete als Herd des Übels den Schotten. Welcher den Gestank auch wahrgenommen hatte, allerdings den Holländer als Verursacher vermutete und beim „Leben seiner Kinder schwor“, keine Darmwinde abgelassen zu haben. Diesmal zumindest. Denn bei einem anderen Turnier habe er in der Tat mal unter Blähungen gelitten und sich dieser auf ordinärem Wege entledigt – aber das später immerhin auch eingestanden. Scharmützel über Farts beim Darts sind jedoch die große Ausnahme.

Die Duelle werden viel lieber abseits der Bühne über den Gesang ausgetragen. So grölen die Fans auf der preisgünstigeren Tribüne unentwegt „boring, boring tables“ („langweilige, langweilige Tische“), während die Zuschauer mit den etwas teureren Tischtickets „You can’t afford a table“ („Ihr könnt euch keinen Tisch leisten“) antworten. England, die klassische Klassengesellschaft. Helle Lichtkegel schwenken derweil begleitend durch die Halle.

Gerade hat der Engländer Ryan Joyce mit seinen drei Pfeilen 180 erzielt, die Menge springt auf und jubelt. Mittlerweile hat sich der Geruch von Bier und Schweiß und anderen Ausdünstungen in der Halle festgesetzt. Am Ende zieht Joyce in die dritte Runde dieser Weltmeisterschaft ein. Eine Überraschung. Der 33-Jährige gilt als Newcomer. Dementsprechend fühlt er sich auch noch nicht als Entertainer wie die Stars des Sports, obwohl er weiß, dass der Erfolg auch diese Rolle mit sich bringt. „Wenn ich mich weiter verbessere, habe ich eine Pflicht, auch unterhaltender zu sein“, sagt Joyce ganz trocken nach seinem Sieg. Immerhin einen Spitznamen hat er schon wie die großen Spieler. „Relentless“, unerbittlich, steht in Lettern auf der Rückseite des Trikots.

Wie viele seiner Kollegen kommt der Brite nicht wie ein gestählter Athlet daher. Joyce, Typ Kumpel, trägt Bierbauch und geht nach der kleinen Pressekonferenz erst einmal eine rauchen. Als 21-Jähriger fing er im Pub des Onkels an zu arbeiten und entdeckte so das Darts spielen. Oben in Newcastle, Nord-England, wo gerne viel und noch ehrlich getrunken wird; wo sich die Arbeiterklasse an der Theke trifft; wo etliche Darts-Profis ihre Heimat haben.

Der Tag wird jedoch nicht nur Ryan Joyce in Erinnerung bleiben. Wenige Stunden vor dessen Erfolg ging ein Fan vor seiner Freundin auf die Knie und machte ihr während der Veranstaltung einen Heiratsantrag. Man mag es kaum glauben: Selbst der an viel Wahnsinn gewöhnte Ally Pally hatte so etwas noch nicht erlebt.

 

 

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